Engelsaga 

 

 

 

 

 

 

     

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  Nach mehreren erfolglosen Sprüngen bekam ich ihn endlich zu fassen. Ungeduldig fummelte ich den kleinen Schlüssel in das zierliche Schloss. Wenn ich aufmerksamer gewesen wäre, hätte ich vielleicht die inzwischen im Flur herumlungernden Schüler bemerkt. Möglicherweise hätte ich auch kapiert, dass der klägliche Schrei aus meinem Schrank kam. Doch ich übersah alle Warnzeichen.

   Ein schwarzes Fellknäuel sprang mir fauchend entgegen. Mit spitzen, ausgefahrenen Krallen landete die zornige Katze in meinen Armen und hakte sich in meiner veilchenblauen Bluse fest, ehe sie den zarten Stoff fein säuberlich in dünne Streifen riss. Ich kreischte um Hilfe - spöttisches Gelächter war die Antwort! Die verschworene Gemeinschaft der Internatsschüler amüsierte sich prächtig über meinen erfolglosen Versuch, mich aus den Fängen der verstörten Katze zu befreien.

   Mein Magen rollte sich zusammen - wie immer, wenn ich wütend wurde. Was für ein arrogantes Pack! Nicht einer dachte daran, mir zu helfen. Ich bemühte mich, die Flüche, die mir auf der Zunge lagen, nicht laut auszusprechen. Auch wenn ich mir wirklich wünschte, dass die Hälfte von

ihnen tot umfiel.

   Während  ich  mich  und  die  Katze  langsam beruhigte, tippte mir plötzlich jemand auf die Schulter: Frau Germann.

 

   „Linde?! Anscheinend sind dir unsere Internatsregeln noch nicht geläufig. Doch da du ganz neu bei uns bist, will ich heute mal ein Auge zudrücken. Aber dass du‘s weißt, lebende Tiere bleiben draußen!“

   Ich nickte ergeben und versprach, die Katze ins Freie zu bringen. Dass ich sie in meinem Schrank gefunden hatte, verschwieg ich. Petzen war nicht mein Ding.

   Um mich abzureagieren, beschloss ich, mein Zimmer später einzuräumen und trotz der Kälte einen Spaziergang am See entlang zu machen. In meine dicke Jacke gewickelt, genoss ich die Stille des Winterwaldes, der hier so anders war als in Italien - dunkler, geheimnisvoller, aber auch ein wenig beängstigend -, und versank in meinen Erinnerungen.

   Eine Windböe holte mich in die Gegenwart zurück, als ich die eisigen Spuren fühlte, die meine Tränen hinterließen. Obwohl es nur ein paar Wochen bis zu den Osterferien waren, litt ich schon jetzt unter Heimweh, sehnte mich nach meinen Freunden, meinen Eltern und der Wärme Italiens.

   Im Dämmerlicht stolperte ich über abgestorbene Wurzeln und vermodernde Äste. Ich musste die falsche Richtung eingeschlagen haben, weshalb ich am See auch nicht das Schloss, sondern einen halbverfallenen Pavillon entdeckte. Er war bestimmt wunderschön gewesen.

   In Italien hatte ich eine Vorliebe für Kunst und alte Gemäuer entwickelt. Ich

 

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