Engelsaga 

 

 

 

 

 

 

     

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Nach dem Mittagessen rief mich der Internatsleiter zu sich. Seine schwarzen Haare und dunklen Augen erinnerten mich an die Bewohner meines Dorfes in den Abruzzen. Schnell blinzelte ich die Erinnerung weg, als Herr Sander mich mit einem fragenden Blick musterte.

   „Weißt du schon, an welchen Aktivitäten du teilnehmen möchtest?“

   Ich stutzte. War das eine Fangfrage, um zu prüfen, ob ich tatsächlich vorhatte etwas zu lernen?

  „Also eigentlich wollte ich ja in den Ferien meine Wissenslücken schließen“, begann ich vorsichtig.

   "Zwei ganze Wochen lang?! Die müssen ja riesig sein." Herr Sander schmunzelte, legte ein paar der Prospekte auf seinem vollbeladenen Schreibtisch zur Seite und wühlte in demPapierchaos darunter, ehe er mit einem Schulterzucken aufgab.

  „Linde oder lieber Lynn?“

   „Lynn!“, sagte ich schnell.

   „Also, Lynn, auch wenn du bei den Freizeitaktivitäten eigentlich nicht mit eingeplant bist und Frau Germann eine andere Meinung vertritt, würde ich es gut finden, wenn du wenigstens in ein paar der Kurse reinschnupperst.“

   Bevor ich Luft holen konnte, um zuzustimmen, fuhr Herr Sander fort.

   „Leider hab ich im Moment keinen Plan mehr übrig, aber ich werde dafür

 

sorgen, dass morgen einer für dich im Sekretariat bereitliegt. Und falls du mal eine Lernpause brauchst, dann such dir einfach ein Angebot aus und geh hin. Wenn du im neuen Schulhalbjahr mit guten Noten glänzt, wird niemand danach fragen, was du in den Ferien gemacht hast. Und wenn nicht, hattest du wenigstens ein paar entspannte Tage, bevor Frau Germann dich mit Nachhilfestunden eindeckt.“

   Herr Sander wurde mir von Minute zu Minute sympathischer. Auch wenn er mir anschließend erklärte, in welchem Gebäudetrakt ich meinen Spind mit den Schulbüchern finden konnte, und mir die Materialliste zum Abhaken überreichte.

   „Und bitte kontrollier, ob alles, was du an Arbeitsmaterialien brauchst, in deinem Schrank ist - auch die Bücher“, fügte er mit einem süffisanten Unterton hinzu. „Der Schlüssel steckt.“

   Da ich sowieso nichts anderes vorhatte, beschloss ich, gleich nach meinem Spind zu suchen. Die verwinkelten Korridore im Schulgebäude machten es mir mit meinem ohnehinschlechten Orientierungssinn nicht gerade leicht. Ich lief einmal im Kreis, bevor ich ihn endlich fand - ohne Schlüssel! Zumindest steckte er nicht, wie ich erwartet hatte, im Schlüsselloch. Stattdessen hing er, mit einem dünnen Faden befestigt, oben an der Tür. Zu hoch für mich, um ihn

ohne weiteres erreichen zu können. Wirklich witzig!

 

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