Engelsaga 

 

 

 

 

 

 

     

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Ansonsten sehen wir uns erst nach den Ferien wieder. Bis dahin hast du dich bestimmt ein wenig bei uns eingelebt.“

   Natürlich nutzte ich Frau Germanns Angebot, obwohl ich bereits am Abend zuvor mit meinen Eltern telefoniert hatte, doch leider war niemand zu Hause. So hinterließ ich nur eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter.

   Um noch rechtzeitig zum Mittagessen zu kommen, hetzte ich zur Mensa. Das Wissenslückengespräch mit Frau Germann hatte mir auf den Magen geschlagen, weshalb ich mir erst mal nur eine Banane schnappte, die ich bei den großen Aussichtsfenstern verdrückte.

   „Isst man in Italien nicht zu Mittag?“

Ich drehte mich zu der hübschen Rothaarigen mit den auffälligen, wasserblauen Augen um und hielt ihr diehalbleere Bananenschale entgegen.

   „Ich seh schon, du konntest dich nicht zwischen der orangeroten und der gelbgrünen Pampe entscheiden. Komm mit, ich zeig dir, was man essen kann und was lieber nicht - außer du stehst auf Gemüsematsche … Linde, nicht wahr?“ Sie zögerte. „Was für ein seltener Name.“

   Ich bemühte mich, nicht überrascht zu wirken, dass sie wusste, woher ich kam  und  wie  ich  hieß,   und  brachte   ein   halbwegs   freundliches  Lächeln

zustande. Sie konnte ja nichts für die exotischen Vorlieben meiner Mutter.

   „Eigentlich nennen mich alle Lynn.“

   „Schön - dann Lynn. Und ich bin Marisa.“

 

   Marisa empfahl mir Putensteak, Kräuterkartoffeln und Salat vom Buffet. Mit zwiespältigen Gefühlen füllte ich meinen Teller und folgte ihr zu einer eifrig tuschelnden Gruppe, die mich bereits erwartungsvoll beäugte.

   „Hallo Linde, oder war‘s Buche?“ Die Jungs am Tisch brachen in schallendes Gelächter aus. Die Mädchen, ein paar zumindest, versuchten vergeblich, nicht mit einzustimmen, und kicherten albern hinter ihren vorgehaltenen Händen.

   Na toll! - es begann schon wieder! Doch dieses Mal hielt ich mich zurück und kickte niemandem vors Schienbein - schließlich war ich lernfähig.

   „Wie wär‘s mit Stechpalme oder Vergissmeinnicht, falls du dir das besser merken kannst?“, konterte ich. Niemand lachte über meinen Witz.

  „Lynn. Sie heißt Lynn. Benehmt euch gefälligst, sie ist neu hier - für … Su“, versuchte Marisa ein wenig verzweifelt die Situation zu retten.

   Ich setzte mich auf einen der freien Stühle am Rand der Gruppe, aß schweigend meine Mahlzeit und überlegte, wie beliebt meine Vorgängerin bei ihnen wohl war. Von mir nahmen die meisten jedenfalls kaum Notiz -abgesehen von ein paar abschätzigen Blicken -, während sie sich mit ihren Urlaubszielen gegenseitig übertrumpften: Lech lag dicht hinter Sankt Moritz. Von ihnen verbrachte anscheinend keiner seine Ferien hier - und schon gar keiner mit Lernen!

 

 

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