Engelsaga 

 

 

 

 

 

 

     

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dem äußeren Prunk des Schlosses in nichts nach. Bestimmt gab es auch einen Ballsaal - mit Spiegeln, wie inVersailles.

  Irgendwie fühlte ich mich fehl am Platz ohne Armani-Jeans und Prada-Täschchen, die ich nun mal nicht besaß.

   „Während der Ferien wird in den anderen Gebäuden ein wenig renoviert. Bis dein Raum im Gelben Haus fertig ist und du umziehen kannst, bekommst du erst mal ein Zimmer im Schloss - ein Einzelzimmer unterm Dach“, betonte Frau Schlatter ehrfürchtig und bugsierte mich die Treppe hinauf.

   Ob Schloss oder nicht war mir im Moment ziemlich egal. Ich war müde von der langen Anreise und wollte nur eins: schlafen und nicht allzu viel über meine Zukunft nachdenken.

   Ganz oben, im dritten Stock, steuerte Frau Schlatter auf eine einsame Holztür zu und kramte einen alten Messingschlüssel hervor.

   „So, da sind wir. Vielleicht musst du noch ein bisschen lüften. Das ist eigentlich ein Gästezimmer und wird nur selten benutzt.“ Sie öffnete die Tür und ließ mich ein, bevor sie sich mit einem flüchtigen Lächeln verabschiedete.

   Ich versuchte flach zu atmen – mit dem Lüften hatte sie definitiv recht! Doch der Rest war besser, als ich erwartet hatte: ein weiß gestrichener Schrank mit Schnitzereien und einem dazu passenden Regal, in dem sich ein paar angestaubte Bücher stapelten, stand neben dem Schreibtisch mit einem - natürlich    -     royalblau    gepolsterten    Stuhl,    der    zu    dem    flauschigen

 

Teppichboden passte. Das Schönste jedoch war das breite Bett, auf dessen meerblauem Bezug mindestens zehn weiße spitzenverzierte Kissen aller Form und Größe lagen, und - es stand direkt unter einem der beiden Dachfenster.

   Ich kramte mein Waschzeug und einen Schlafanzug aus dem Reiserucksack, schob das Verdunkelungsrollo über meinem Bett nach oben und kuschelte mich kurze Zeit später in mein Fast-Himmelbett, mit Blick in die Wolken - die Sterne wollte ich mir herbeiträumen.

  Leider verpasste ich sie. Stattdessen riss mich einer meiner Albtäume aus dem Schlaf: Ein in fliegende Gewänder gehülltes Wesen zerrte an meiner linken, eine lichtlose, vermummte Gestalt an meiner rechten Seite. Beide wollten mich zu sich ziehen, bis ich schließlich mit zitternden Fingern meine Nachttischlampe anknipste, um mich zu versichern, dass ich tatsächlich allein in meiner Kammer war.

 

Dick eingepackt in meine neue Daunenjacke, um gegen die Kälte gewappnet zu sein, überquerte ich am nächsten Morgen den Hof und meldete mich pünktlich, zehn Minuten nach zehn, im Sekretariat. Das Frühstück ließ ich ausfallen. Ich war weder hungrig noch hatte ich, nach dieser unruhigen Nacht, Lust früh aufzustehen, um mir in der Mensa neben irgendjemandem, den ich nicht kannte, einen Platz zu suchen.

   Frau Germann,  die Rektorin,  wartete bereits auf  mich.  Der dunkel gebeizte

 

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